Wie alles begann

Woher ich kam

Seit mei­ner Schul­zeit bis zum Ende mei­nes Stu­di­ums war ich der „ehr­gei­zi­ge“ Typ. Alle Leh­rer lob­ten stets mei­nen Fleiß, mei­nen Ehr­geiz, mei­ne Aus­dau­er und mei­ne all­ge­mein hohe Arbeits­mo­ral. Obwohl ich mich münd­lich so gut wie nie am Unter­richt betei­lig­te, hat­te ich immer gute Noten.

Ich habe immer 120% gege­ben.

Ich war bei einer Klau­sur immer die letz­te, die noch da saß und die Mit­tags­pau­se der armen Leh­rer ver­kürz­te. Die letz­ten Meter waren für mich immer die schlimms­ten.

Ich habe da näm­lich noch eine – an sich sehr lobens­wer­te – Eigen­schaft: ich bin gründ­lich und ver­bis­sen.

Sysy­phus-Arbeit?

Für mich kein The­ma. Ich bin detail-ver­ses­sen.

Ich gehe erst, wenn die Arbeit erle­digt ist.

Ich unter­bre­che erst dann eine unvoll­ende­te Auf­ga­be, wenn man mich mit Gewalt davon abbringt.
#Ver­bis­sen­heit #Stur­heit

Essen? Schla­fen? Trin­ken? Auf’s Klo gehen?

Das wur­de solan­ge unter­drückt und aus­ge­hal­ten, wie das Gehirn noch ansatz­wei­se funk­ti­ons­fä­hig war…

(Wei­ter­le­sen: War­um man sei­ne Bedürf­nis­se nicht igno­rie­ren soll­te, Das ist kei­ne Selbst­lie­be)

Ich bin gründlich | Margarita Gross

Mei­ne 120% haben am Ende der Schul­zeit aber nicht mehr wirk­lich gereicht, um mei­ne man­geln­de münd­li­che Mit­ar­beit aus­zu­glei­chen. Da kam mir dann auch die Erkennt­nis, dass es nicht an mei­ner Intel­li­genz (dar­an hat sowie­so außer mir nie ein Leh­rer gezwei­felt, wei­ter­le­sen) und feh­len­dem Wis­sen lag, son­dern schlicht und ergrei­fend an mei­ner (nicht vor­han­de­nen) Lern­me­tho­de (mehr dazu: ALLES“ ist wich­tig“)

Wegen mei­ner Gründ­lich­keit und mei­nes Per­fek­tio­nis­mus, hat­te ich immer mehr Schwie­rig­kei­ten in Fächern wie Deutsch und Geschich­te recht­zei­tig „zum Ende“ zu kom­men. Wenn ich Tex­te ana­ly­siert habe, dann Wort für Wort, Kom­ma für Kom­ma… Mei­ne Ana­ly­sen wur­den zwar immer gelobt, jedoch bekam ich kei­ne 15 Punk­te mehr. Ich hat­te ein­fach nie genug Zeit für das Fazit, die Schluss­fol­ge­rung, die Zusam­men­fas­sung — das, wor­auf es in einer Klau­sur ankam und der Grund, wes­halb Auf­ga­be 1 und 2 vor­an­ge­stellt waren.

Wäh­rend des Stu­di­ums hat­te ich mit den Klau­su­ren zwar kei­ne Pro­ble­me, weil man das The­ma schon kann­te und ich Zuhau­se bereits die Ana­ly­sen machen und mir ein Fazit grob über­le­gen konn­te. Aller­dings mach­te mir mei­ne Unfä­hig­keit Auf­ga­ben (Haus­ar­bei­ten, Refe­ra­te), die nicht voll­endet oder „per­fekt“ erle­digt waren, ruhen zu las­sen, wie­der­um das Leben schwe­rer als es hät­te sein müs­sen.

An einer Haus­ar­beit saß ich wochen­lang von mor­gens bis abends. Schon der ers­te Ent­wurf des Inhalts­ver­zeich­nis­ses glich vom Anspruch her eher der Ein­lei­tung zu einer Dok­tor­ar­beit (so auch der Kom­men­tar mei­nes Pro­fes­sors).

Es mach­te mich wahn­sin­nig, kür­zen und das The­ma auf einen Aspekt beschrän­ken zu müs­sen (übri­gens das gan­ze Ziel einer Haus­ar­beit).

Dia­gno­se: chro­ni­scher Zeit­man­gel.

Fol­gen­de Punk­te waren letz­lich dafür ver­ant­wort­lich, dass mein Leben 10 Jah­re lang von Stress, Angst und einem star­ken inne­ren Unru­he­ge­fühl geprägt war:

I. Methodische/​organisatorische Aspek­te
  1. Ich benutz­te kei­nen Kalen­der.
  2. Ich benutz­te kei­ne To-Do-Lis­ten.
  3. Ich konn­te schlecht Prio­ri­tä­ten set­zen.
II. Psy­chi­sche Aspek­te
  1. Ich war zu per­fek­tio­nis­tisch und habe bis zur Ver­schlimm­bes­se­rung gefeilt.
  2. Ich konn­te nicht „mit­ten­drin“ auf­hö­ren und unfer­ti­ge Auf­ga­ben been­den.
  3. Ich war zu ver­bis­sen und konn­te nicht los­las­sen.

Organisationsschwierigkeiten | MarGro
Als ich 2012 mit mei­nem Freund einen klei­nen Musik­ver­lag grün­de­te, steck­te ich noch in mei­nen alten Denk- und Hand­lungs­mus­tern fest. Wir arbei­te­ten zwar bei­de von mor­gens bis abends, jedoch war ich ein­fach sehr beschäf­tigt, schaff­te aber nicht viel, er hin­ge­gen arbei­te­te effi­zi­en­ter. Alle ande­ren Auf­ga­ben (bis auf die Basis-Haus­ar­beit – ich kann Unord­nung nicht aus­ste­hen) blie­ben also lie­gen. Die To-Do-Lis­te wuchs immer wei­ter und wei­ter. Wir leb­ten nur noch für die Arbeit, am meis­ten lit­ten die sozia­len Kon­tak­te bzw. wir hat­ten kei­ne mehr, denn wir haben das Haus nur zum Ein­kau­fen ver­las­sen.

selbst und ständig | MarGro
Für mich war es lan­ge Zeit in Ord­nung so, es ent­sprach mei­ner bis­he­ri­gen Arbeits­wei­se und mei­nem Cha­rak­ter. Mein Freund hin­ge­gen war das so gar nicht gewohnt. Er leb­te stets nach dem Prin­zip: sich auf das Wesent­li­che kon­zen­trie­ren, Auf­ga­ben so effi­zi­ent wie mög­lich erle­di­gen, dem Pare­to­prin­zip fol­gend (in 20% der Zeit 80% der Arbeit erle­di­gen) – mit so viel Ener­gie­auf­wand wie nötig und so wenig wie mög­lich. Klingt doch super?! Schon. Nur hört die Arbeit als Selbst­stän­di­ger ja nie­mals auf. Es gab und gibt also immer noch etwas zu tun. Es war eine Ach­ter­bahn­fahrt. Eine Hoch­zeits­ein­la­dung trieb mir schon mal den kal­ten Schweiß auf die Stirn.

– Wie in aller Welt sol­len wir die Arbeit eines gan­zen Tages (und eines ver­kürz­ten zwei­ten Tages) auf­ar­bei­ten?

selbst und ständig | MarGro
Ein Jahr spä­ter grün­de­ten wir ein wei­te­res Online-Unter­neh­men. Nun ging es end­gül­tig nicht mehr so wei­ter. Der Tag war schon für einen Job zu kurz, woll­ten wir noch einen Voll­zeit-Job anneh­men und dane­ben noch Sport machen, Kla­vier üben und viel­leicht sogar noch sowas uner­hör­tes wie Zeit mit­ein­an­der ver­brin­gen, dann muss­te sich dras­tisch etwas ändern. – Dach­ten wir uns.

Den­noch lief es erst ein­mal so wei­ter:

  • arbei­ten von mor­gens bis abends,
  • essen eher neben­bei, wenn man schon am Ver­hun­gern ist,
  • arbei­ten auch an den Wochen­en­den und an den Fei­er­ta­gen soweit es ging.

selbst und ständig — bis in die Nacht | MarGro

Mit den Jah­ren wuch­sen die uner­le­dig­ten Auf­ga­ben ins Uner­mess­li­che und sie alle im Kopf zu behal­ten und stän­dig damit zu jon­glie­ren war mitt­ler­wei­le uner­träg­lich und hat mir jeg­li­che Lebens­freu­de geraubt.

Am schlimms­ten dar­an war die­ses vage Gefühl, dass man im Grun­de gar kei­nen Über­blick hat, dass man im Grun­de gar nicht weiß, wie vie­le Auf­ga­ben es in der Sum­me tat­säch­lich sind.

Ab die­sem Punkt ist es psy­cho­lo­gisch tat­säch­lich völ­lig irrele­vant, ob es sich um 10 oder um 1000 zu erle­di­gen­de Auf­ga­ben han­delt — du weißt es nicht und du fühlst dich maß­los über­for­dert, denn es „könn­ten“ 1000 Auf­ga­ben sein. Anfüh­len tut es sich jeden­falls so, wenn man kei­nen Über­blick hat.

Und das schlimms­te dar­an: mir war abso­lut klar, dass sich auch in Zukunft NICHTS dar­an ändern wür­de — wenn ich nichts Grund­sätz­li­ches an mei­nem Den­ken, Han­deln und Tun ver­än­der­te.

Schließ­lich war nun seit fast einem Jahr­zehnt mein ers­ter Gedan­ke, wenn ich eine Ein­la­dung bekam:„Ich habe kei­ne Zeit!!

selbst und ständig | MarGro

Ich konn­te mich ein­fach nie auf den Moment ein­las­sen.

Immer war ich in mei­nem Kopf.

Natür­lich habe ich es auch mit Medi­ta­ti­on und Yoga ver­sucht, das hat etwas gehol­fen.

Aber die Din­ge und die uner­le­dig­ten Auf­ga­ben lösen sich dadurch ja lei­der nicht in Luft auf.

Ich hat­te wei­ter­hin jede Woche einen neu­en Berg an Zet­tel­chen.
Ich hat­te wei­ter­hin einen explo­die­ren­den Kopf.
Ich hat­te wei­ter­hin kei­ne Zeit.
Heu­te nicht, mor­gen nicht, in den Feri­en nicht, in 3 Mona­ten nicht. NIE.

So sehr ich auch ver­such­te das Cha­os ein­zu­däm­men und der men­ta­len Über­for­de­rung Herr zu wer­den und mei­nen Kopf zu ent­las­ten — nichts half. Ich fand kei­ne befrie­di­gen­de oder auch nur halb­wegs effek­ti­ve Lösung.

Mein Mit­tel der Wahl war es aller­dings auch immer, alles in Kate­go­ri­en zu ord­nen. Weil ich so vie­le Sach­bü­cher lese und mich für so vie­le The­men inter­es­sie­re und gleich­zei­tig auch noch ein sehr spe­zi­el­les Fach­ge­biet habe, fand ich ein­fach kei­ne ande­re Mög­lich­keit.

Ich ver­such­te es also zunächst mit One­Note .

Ich leg­te Notiz­bü­cher an, Abschnit­te und vie­le vie­le Sei­ten. Bald wur­den aus Abschnit­ten Abschnitts­grup­pen. Ich leg­te dann mei­ne „Noti­zen“, Links, Ide­en, Kom­men­ta­re und alles mög­li­che dar­in ab.

Und es kam wie es kom­men muss­te:
bald war es so der­ma­ßen viel, das Wich­ti­ge vom Unwich­ti­gen zu unter­schei­den wur­de zur Suche nach der Nadel im Heu­hau­fen.

Das war so frus­trie­rend!

Das ungu­te Gefühl im Bauch ver­schwand also nur kurz und mit der nächs­ten Wel­le war es gewal­ti­ger als je zuvor. Jetzt, wo ich das Aus­maß vor Augen hat­te, war mir klar, war­um ich mich immer so getrie­ben fühl­te, vol­ler Unrast und das Gefühl hat­te, nicht atmen zu kön­nen.

(Nein, alles löschen/​wegwerfen ist KEI­NE Opti­on! Wenn du das über­haupt nicht nach­voll­zie­hen kannst, dann ist das hier sicher kein Ort für dich und alle ande­ren mei­ner Bei­trä­ge wer­den dich genau­so zur Weiß­glut trei­ben. Füh­le dich also frei, die Füße — äh — die Maus in die Hand zu neh­men und auf das Kreuz­chen oben im Tab zu drü­cken.)

Es mach­te mich wahn­sin­nig zu wis­sen, dass wenn ich mal ein Zeit­fens­ter frei hät­te, ich die dring­lichs­te und wich­tigs­te von den anste­hen­den Auf­ga­ben (oder eine bestimm­te Notiz) nicht ein­mal wür­de fin­den kön­nen, und die Zeit schlimms­ten­falls mit Suchen und Ord­nen ver­brin­gen wür­de. Um es kurz zu machen:

Ich ver­trau­te die­ser mei­ner „Metho­de“ nicht.

Dann kam der Wen­de­punkt.